„FUSSBALLFANS SIND KEINE VERBRECHER“ – ODER DOCH?

Es waren schon turbulente 4 Wochen, die heute in Saint-Denis ihren Abschluss finden werden: Ein Land, das in etwa so viele Einwohner hat wie Kassel und Göttingen zusammen, verzückt ganz Europa, Deutschland besiegt endlich den Italien-Fluch, und Will Grigg ist wahrscheinlich immer noch on Fire (Na Na Na Na Na Na Na Na Na Na Na Na).

Doch die Euro 2016 hat vor allem in ihren Anfangstagen auch wieder das hässliche Gesicht des Fußballs gezeigt: Randalierende Hooligans auf den Straßen, Böller in den Stadien, Jagdszenen mit der Polizei.

Doch was hat es mit dieser Randale eigentlich auf sich, und haben diese Idioten (so darf man sie glaub ich mit Fug und Recht bezeichnen) eigentlich noch mit dem Sport zu tun, der so viele Menschen zurecht begeistert?

Mit unter anderem dieser Fragestellung haben wir uns bei unserem diesjährigen Landesprogrammatischen Wochenende beschäftigt, das traditionell am Edersee stattfand. Zur Seite stand uns dabei Dennis Pfeiffer, seines Zeichens Fansozialarbeiter beim Regionalligisten KSV Hessen Kassel.

Wenn in einigen Wochen die neue Bundesliga-Saison startet, werden sich wieder die gleichen Szenen abspielen wie in den vergangenen Jahren. Auf Schalke wird nach dem dritten Spieltag wieder der Trainer in Frage gestellt, Bayern München langweilt die Liga mit ihrer Dominanz, und Darmstadt 98 übt sich weiter darin, das Wort Antifußball zu perfektionieren.
Und es werden auch wieder die Bengalos und Leuchtfackeln auf den Rängen brennen. Wolf-Dieter Poschmann und seine Kollegen von der ARD-Sportschau werden dann wieder von den sogenannten Unbelehrbaren sprechen, und die Innenministerkonferenz wird in der Manier des Pawlowschen Hundes wieder wirre Forderungen wie Stehplatz- oder Alkoholverbote in den Raum werfen.
Doch was hat es beispielsweise mit diesem Phänomen Pyrotechnik auf sich? Ist es wirklich eine Form von purer Gewalt, oder gehört es mittlerweile zu der Atmosphäre in unseren Stadien dazu, für die wir weltweit beneidet werden?

Natürlich hat man beim Gedanken an Pyrotechnik sofort Szenen im Kopf wie die, als aus dem Wolfsburger Fanblock eine Leuchtrakete auf die Ersatzbank von Hannover 96 abgefeuert wurde, und nur knapp einen Betreuer verfehlte. Doch für diejenigen, die sich für den verantwortungsvollen Einsatz von Pyrotechnik einsetzen, ist sie kein Utensil, um sinnlos Krawalle zu machen. Die Initiative „Pyrotechnik legalisieren – Emotionen Respektieren“spricht von „einzigartiger Atmosphäre“, von „Emotionen“ und „Feierstimmung“. Die Initiatoren, zu denen Fangruppen nahezu aller bekannten Fußballvereine in Deutschland gehören, fordern die Schaffung von Rahmenbedingungen, unter denen ein legales Abbrennen von Pyrotechnik möglich ist. Sie selber sprechen von der Eigenverantwortung der Fanszenen und bekennen sich zu einem vernünftigen Umgang mit der „heißen Ware“. Doch die Erfahrungen der letzten Jahre lassen zum Teil Zweifel zu, ob dieser vernünftige Umgang wirklich restlos möglich ist. Denn einfach ignorieren lassen sich die Szenen nicht, in denen Bengalos auf den Platz fliegen, in die gegnerischen Fanblöcke abgeschossen werden oder auf Polizisten geschleudert werden.

Der Deutsche Fußballbund (DFB) verfolgt seit Jahren eine Null-Toleranz-Strategie beim Thema Pyrotechnik. Gab es in der Vergangenheit verheißungsvolle Gespräche mit den Fanverbänden, wurden die Kontakte auf Eis gelegt, der zuständige, als fanfreundlich gesehene Sicherheitschef entlassen. Die Dachverbände UEFA und FIFA sorgen sogar für eine Art Zensur, indem sie Pyrotechnik in den Fernsehbildern bei Europa- und Weltmeisterschaften komplett ausblenden. Eine brennende Fackel passe nicht zum Familienevent, so die verantwortlichen Funktionäre.

Gerade die Pyrotechnik ist immer wieder Anlass für verschärfte Sicherheitsmaßnahmen in den Stadien. Personalisierte Tickets, reduzierte Kartenkontingente für Gastvereine, Leibesvisitationen am Stadioneingang, mehr Videoüberwachung in den Stadien, freudiges Datensammeln über vermeintliche „Gewalttäter Sport“. Die Bürgerrechte sterben auch in den Stadien, Arenen und Kampfbahnen dieser Republik einen stillen, scheibchenweisen Tod.

Doch auch wenn man versucht, diese unerwünschten Szenen aus dem Fernsehen rauszuhalten, einen nennenswerten Effekt durch die Verbote und Maßnahmen gab es nie. Es ähnelt ein wenig der Diskussion um die Legalisierung von Cannabis. Nur weil es verboten ist, hat sich noch niemand davon abhalten lassen, mal ein Tütchen zu rauchen. Es muss daher auch beim Thema Pyrotechnik darüber nachgedacht werden, einen Weg zu finden, um eine legale Verwendung in den Stadien zu ermöglichen. Möglichkeiten hierfür könnten festgelegte Bereiche im Stadion für die Verwendung von Pyrotechnik sein, sowie eine vorige Absprache mit den Vereinen und Sicherheitsbehörden. Dies wäre auch ein Weg, das oftmals aus Polen illegal nach Deutschland eingeführte und oft sehr gefährliche Zündmaterial aus den Stadien fernzuhalten.

Doch wozu das, mag sich der geneigte Leser denken? Es geht doch hier nur darum, endlich eine kleine Gruppe von pubertierenden Möchtegerns in den Griff zu bekommen, die sich jeden Samstag vor dem Stadion hemmungslos volllaufen lässt, um dann gepflegt im Fanblock die Sau rauszulassen. Doch ist dem so? Diese sogenannten Möchtegerns bezeichnen sich selbst als Ultras. Sie verwenden viel Zeit und Herzblut darauf, ihren Verein bestmöglich zu unterstützen, und geben oft ihr letztes Geld aus, um sich die anstehende Auswärtsfahrt leisten zu können. Ultras sind die größte Jugendkultur Deutschlands. Sie sorgen für die viel gelobte Stimmung in den Stadien, setzen sich beispielsweise aktiv gegen Homophobie ein, engagieren sich karikativ.
Aspekte, die in der Berichterstattung regelmäßig zu kurz kommen.

Natürlich gehört es zur Wahrheit dazu, dass es auch in Deutschland nach wie vor massive Probleme mit Hooligans und gewalttätigen Fußballfans gibt, das will ich hier nicht verschweigen. Verletzte Polizisten, unbeteiligte Fans oder zerstörte Züge gehören zweifellos nicht zu dem Sport, der für viele in Deutschland Lebensinhalt und liebstes Hobby ist. Gegen diese Art von Chaoten muss vorgegangen werden, daher brauchen wir im Rahmen von Fußballspielen auch eine gute Polizeipräsenz und durchdachte Sicherheitskonzepte, und wir brauchen beispielsweise auch Stadionverbote. Doch was wir nicht brauchen, ist sinnlose Panikmache. Würden wir an alle Großereignisse dieselben Sicherheitsmaßstäbe ansetzen wie es die Politik bei Fußballspielen tut, würde das Oktoberfest nie wieder stattfinden dürfen. Auf dem beliebten Bayrischen Volksfest finden in zwei Wochen mehr Straftaten statt, als in einer Saison in der Bundesliga, der zweiten und dritten Liga sowie allen fünf Regionalligen zusammen.

Um die Gewalt in den Stadien zu bekämpfen, müssen wir die Fanszenen als Gesprächspartner ansehen, und nicht als „Feinde des Fußballs“, wie es die Gewerkschaft der Polizei gerne mal zu sagen pflegt. Fanverbände, Verbände und die Politik müssen an einem Tisch diskutieren, welche Maßnahmen sinnvoll sind, und welche nicht. Und es muss mehr Geld für präventive Arbeit zur Verfügung gestellt werden. Soziale Fanarbeit kostet oft nicht viel Geld, aber der Nutzen ist oft enorm.
In Kassel wurde nun nach jahrelanger Diskussion entschieden, ein Fanprojekt zu installieren. Kosten für die Kommune und das Land Hessen: je 30.000 Euro pro Jahr. Im Vergleich zu den 25 Millionen, die der Neubau des Stadions der inzwischen insolventen Kickers Offenbach gekostet hat, eine kleine Summe. Eine kleine Investition, die allerdings hohe Rendite verspricht. Das haben Fanprojekte aus anderen Städten gezeigt.

Heute Abend geht die Fußball-EM nach vier Wochen zu Ende, und entweder Frankreich oder Portugal werden den silbernen Pokal in den Pariser Nachthimmel strecken. Glücklicherweise ist die Fußballfreie Zeit nicht allzu lang, denn in vier Wochen beginnt bereits die neue Saison. Hoffentlich mit vielen Siegen für Hannover 96 und den KSV Hessen Kassel, und ein wenig mehr Sachlichkeit in der Debatte um Fangewalt und Pyrotechnik. Wir JuLis Hessen werden das Thema auf jeden Fall weiter verfolgen!

V.i.S.d.P.: Florian Möller