TRIKOT UND SPIELE – DIE ZUKUNFT VON GROßVERANSTALTUNGEN

Trikot und Spiele – Die Zukunft von Großveranstaltungen

Wir feiern Frankreich, rügen Rio, kritisieren Katar, sanktionieren Sotschi und tolerieren Tokio. Sportveranstaltungen werden begleitet von medialen Schlagzeilen, politischen Meinungen und präsentieren sich als internationale Bühne, um die aktuelle Situation im Land vorzuspielen. Doch so sehr wir Fußball und Olympia genießen, so sehr wird uns bewusst, dass sich die großen Events von demokratisch geprägten Ländern entfernen. Der Sport zieht in Nationen, die politisch oder gesellschaftlich nicht die Werte zeigen, die sich auf unseren Medaillen und Pokalen widerspiegeln sollten. Die veranstaltenden Sportverbände, das Internationale Olympische Komitee und die Fifa, sind in der Korruptionskrise, mit Steuersumpf beschmiert und personell verkrustet. Doch unsere deutsche Schizophrenie, Verbände zu verurteilen, aber das Event zu genießen, zeigt sich in der Ablehnung von Veranstaltungen im eigenen Land. Während wir 2006 noch das Sommermärchen vorlasen, wollten München und Hamburg die Geschichte von Olympia im eigenen Land nicht erzählen. Welche Zukunft haben Events in Deutschland? Hat nur der Fußball eine Chance?

Globale Großveranstaltungen, die kulturell und regional weitgehend unabhängig ausgetragen werden können, beschränken sich auf die Weltausstellungen (EXPOs), Fußballweltmeisterschaften sowie die Olympischen Sommer- und Winterspiele. Dass drei von vier Gigaevents sportlicher Natur sind, betont das Gewicht, das der Sport oft unbemerkt auf unserer Freizeitwaage anzeigt. Hierbei stehen nicht unbedingt Wettbewerb, Gewinner und Verlierer im Vordergrund, sondern es geht um Entertainment, das Miteinander und Drumherum. Diese Emotionen zu schaffen, ist teuer. Es ergeben sich Kosten für die Bewerbung, für Stadien, Unterkünfte und Medienzentren. Im Fall von Olympia kommen Ausgaben für temporäre Sportanlagen, Eröffnungs- und Schlussfeiern sowie Medaillen hinzu. Einen erheblichen Anteil der Rechnung machen Infrastrukturmaßnahmen aus, beispielsweise für Straßen, den öffentlichen Nahverkehr und die Aufwertung von Wohnvierteln. Darauf addiert sich ein bei wachsender Bedrohung durch Terror immer höher werdender Posten für Sicherheit. Als Gewinne werden Eintrittsgelder, Sponsoringerlöse und die Transferleistungen der Sportverbände ausgezeichnet. Der Saldo dieser Rechnung schrieb sich in der Vergangenheit beinahe zwangsläufig in roten Zahlen und in Zeiten, in denen bei Sportevents das Höher, Weiter, Besser der Maßstab aller Dinge ist, werden die Ziffern nicht schwärzer.

Doch die Rechnung ist unvollständig und kann den Effekt eines Sportevents für das Land nicht kalkulieren. Großveranstaltungen machen ein Land bekannt, kurbeln den Tourismus an und können seine Position im Weltgeschehen grundlegend verändern. Während die Auswirkungen bisweilen als positiv angesehen wurden, zeigen Sotschi, Rio und Katar heute, dass sich eine Nation bei falschem politischem Umgang mit dem Spektakel selbst ins Aus schießen und ihr Image (noch weiter) ruinieren kann. Eine Großveranstaltung auszutragen, ist öffentlich-medial gleichermaßen Chance und Gefahr. Natürlich liegt auch der Mehrwert von Infrastrukturmaßnahmen über dem von Turnier und Spielen, doch am Ende des Tages stellt sich die Frage, ob ohne das Event nicht weniger oder anders beziehungsweise besser investiert worden wäre. Diese Frage muss in einem Land, in dem Bevölkerungsteile um das Überleben kämpfen, anders formuliert werden als in einer Industrienation. Nichtsdestotrotz geht es auch dort um Steuergelder, deren Einsatz nicht gut genug überlegt sein kann. Gerade deshalb werden die Hürden für die Austragung einer Veranstaltung in westlichen Ländern immer höher. Die Entscheidung für Olympia oder eine WM geht durch demokratische Prozesse, direkt in Form von Volksabstimmungen oder indirekt durch Wahlen, und macht es in der Konsequenz bequemer für Verbände, sich für ein Land als Austragungsort zu entscheiden, das den schnellen Weg an der Bevölkerung vorbei nehmen kann. Dass diese Entscheidung internationale Kritik und Forderungen ignoriert, ist der eigentliche Skandal. Man kann zwar generell bezweifeln, ob die Olympischen Spiele in einem Land, das den Olympischen Gedanken nicht teilt, richtig aufgehoben sind. Aber man könnte es zumindest besser machen. Wer als Verband fordern kann, welches Bier im Umkreis eines Stadions getrunken wird, kann auch die Einhaltung von Menschenrechten beim Bau desselbigen als Bedingung festlegen.

Die Stimme der Bevölkerung hat dem Projekt Olympia in Deutschland in den letzten Jahren zwei Mal Einhalt geboten. Nachdem sich die vorgesehenen Austragungsorte 2013 gegen die Winterspiele in München ausgesprochen hatten, fand im November letzten Jahres eine Volksbefragung zu der Ausrichtung der Sommerspiele 2024 in Hamburg statt. Obwohl alle politischen Parteien, abgesehen von der Linken, sich einstimmig für Olympia positionierten, stimmte Hamburg mit knapper Mehrheit dagegen. Statt gegensätzlicher Meinungen von Parteien bildeten sich zwei Pole bestehend aus Politik und Bevölkerung. Die NOlympia-Kampagne konnte weder durch prominente Gesichter noch durch gute Organisation punkten. Wenn die Politik es geschlossen nicht schafft, eine Mehrheit zu organisieren, muss eine erhebliche Trotzhaltung bestehen. Dies sollte uns in Deutschland nicht daran hindern, Olympia weiterhin auf die Jahrzehnteliste an To Dos zu setzen. Wer internationale Sportevents genießt, der muss auch Verantwortung übernehmen und seinen Teil dazu beitragen. Vielmehr müssen wir den Korrigierstift bei der Rechnung ansetzen und eine finanziell tragfähigere Gestaltung der Spiele anstreben, die insbesondere auf die langfristige Nutzung der Infrastruktur zielt. Dass dank BER, Elbphilharmonie und Stuttgart 21 der Glauben an Großprojekte verloren gegangen ist und die Terrorangst ihren Platz gefunden hat, wird es in den kommenden Jahren nicht einfach machen, den Samen Olympia in deutschen Köpfen zu pflanzen. Doch wir sollten zumindest schon einmal die Erde umgraben.

Von Leonie Fliess