Özil und Gündogan für Deutschland!

Özil und Gündogan für Deutschland!

Selten haben professionelle Fußballer abseits des Platzes für so viel Aufmerksamkeit gesorgt und politisch-kulturelle Debatten angestoßen wie in den letzten Tagen. Zwei Tage vor der offiziellen Bekanntgabe des erweiterten deutschen WM-Kaders posierten die beiden deutschen Nationalspieler Mesut Özil und Ilkay Gündogan zusammen mit dem türkischen Präsidenten Recep Erdogan. Soweit zu den Vorkommnissen, die in der Folge eine öffentliche Debatte angestoßen hat, die in der Kontroversität ihres gleichen sucht.

Zunächst aber mal vorweg: Dass das Verhalten der beiden Spieler definitiv zu kritisieren und auch der anschließende Shitstorm gerechtfertigt ist, steht meiner Meinung nach außer Frage. Allerdings kommt es dabei wie so oft auf die Art und Weise an. Und in einem Atemzug zu fordern, die beiden müssen unverzüglich aus der Nationalmannschaft zurücktreten oder gar ihre deutsche Staatsbürgerschaft abgeben (was natürlich nicht nur juristisch gesehen gar nicht weiter praktikabel ist, da beide Deutsche im Sinne des Grundgesetzes sind), ist sicherlich nicht der Tonus, dem man sich als weltoffener, toleranter und mündiger Bürger anschließen sollte. Gerade letzteres Adjektiv sollten sich viele zu Herzen nehmen. Mündigkeit bedeutet auch, das Vermögen zu besitzen, selbstbestimmt und eigenverantwortlich zu handeln. In diesem Zusammenhang sollten wir also auch den beiden Spielern diese Kompetenz nicht prinzipiell absprechen. Wenn gleich es natürlich nicht besonders klug scheint, sich derart von einem ausländischen Staatsoberhaupt für politische Propaganda instrumentalisieren zu lassen. Ironischerweise stört es aber auch niemanden, wenn sich die eigene Regierungschefin mit Fußballern für politische Zwecke ablichten lässt und diese damit genauso instrumentalisiert (Stichwort Kabinenbesuche). Die politische Instrumentalisierung zu kritisieren, wäre demzufolge einfach nur heuchlerisch. Der Unterschied zwischen Erdogan und Merkel ist aber natürlich, dass es sich bei Erdogan um einen Despoten handelt, der Menschrechte und Freiheiten verachtet. Von daher ist die Wahlkampfhilfe der Spieler besonders zu kritisieren. Trotzdem gilt die Meinungsfreiheit auch für Fußballer und wenn sie sich mit Erdogan ablichten lassen, ist das ihr gutes Recht. Wenn dieser Umstand nicht mehr bestehen sollte, würden nahezu alle „deutschen“ Werte ad absurdum geführt werden und wir wären kein Stück besser als so mancher Despot. Ebenso wie Özil und Gündogan muss sich ebenfalls die deutsche Presseöffentlichkeit den Vorwurf gefallen lassen, unfreiwillig enorme Wahlkampfhilfe zu betreiben, indem das Thema omnipräsent auf allen möglichen Plattformen bespielt wird und die Titelstory in vielen Zeitungen ist.

 

Zudem müssen wir als Gesellschaft auch unsere Erwartungen an Sportler definieren: Sportler sind natürlich wie viele weitere öffentliche Personen Vorbilder. Nur für was eigentlich genau? Sicherlich mehr für sportliche Werte wie Ehrgeiz, Ertüchtigung und Fairness als für politische Bildung. Sie sind sicherlich Repräsentanten deutscher Werte und Tugenden so lange sie ein Trikot der deutschen Nationalmannschaft anhaben, aber wiederum keine Staatsbedienstete, die einen Eid leisten oder denen man vorschreiben kann, welche Politiker sie (nicht) zu unterstützen haben. Das wären erneut genau die undemokratischen Praktiken eines Politikers wie Erdogan, die vollkommen zu Recht so hart kritisiert werden. Eine Demokratie muss Meinungen aushalten können, die weh tun und unbequem sind!

Übrigens ist die Liste von anderen Nationalspielern, die ja zweifelsfrei auch Vorbilder sind und die sich in der Öffentlichkeit große Fauxpas erlaubten, sehr lang. Es wäre interessant zu wissen, welche Werte eigentlich dadurch vermittelt werden, wenn jemand jahrelang ohne Führerschein Auto fährt, in einer Hotellobby uriniert, Personen stark alkoholisiert mit Essen bewirft oder hohe Bargeldsummen in einem Taxi vergisst. Fun Fact: das waren alles Deutsche ohne einen bekannten Migrationshintergrund. Und auch in Bezug auf politische Fragen gibt es solche Beispiele. Sei es im Zuge des Confederations Cup 2016 ein Brief voller Lobeshymnen an Russland, das auch sicherlich kein Paradebeispiel für lupenreine Demokratie darstellt, oder Aussagen eines Spielers, den es offensichtlich nicht belastet, „dass dort [in Argentinien] gefoltert wird“.

Bei der ganzen Debatte sollte man nicht vergessen, dass Özil und Gündogan vor allem eines sind: sie sind Menschen und Menschen neigen dazu, Fehler zu machen und falsche Entscheidungen zu treffen. Und zumindest Ilkay Gündogan hat seinen Auftritt bereits öffentlich bedauert. Was ist also das Fazit: Meiner Meinung nach sind interne Disziplinarmaßnahmen durch den DFB gerechtfertigt, die öffentliche Hetzjagd und abstruse Forderungen hingegen sind allerdings alles andere als zielführend, sondern bieten lediglich undemokratischen Regimen eine öffentliche Plattform.

Abschließend sollte man sich vielleicht eher Gedanken darüber machen, mit wem eigentlich die großen Sportvereine und internationalen Sportverbände Geschäfte machen und welche politischen Systeme und Politiker dadurch eine öffentliche Plattform erlangen, die sie ebenso wenig verdient hätten wie Erdogan. Ich bin auf jeden Fall bereits sehr gespannt, für welches Gastgeber Land der Europameisterschaft 2024 sich die UEFA im September dieses Jahres entscheiden wird. Deutschland oder vielleicht doch die Türkei. Bis dahin kann glaube ich jeder seine eigenen Lehren aus der Affäre ziehen. Ich für meinen Teil schließe mich Oliver Bierhoff an und sage, „Demokratie muss auch Dummheit aushalten“.

In diesem Sinne: See you in Russia!

 

Von Niklas Hannott

 

Der Inhalt der Blog-Beiträge spiegelt die Privatmeinung der einzelnen Autoren wieder und ist nicht zwingend Beschlusslage der Jungen Liberalen Hessen