Bericht zum AK „Ländlicher Raum“

Nachstehende lest ihr einen Bericht von Max Lembke aus dem Arbeitskreis ‚Ländlicher Raum‘, der am vergangenen Wochenende beim Landesprogrammatischen-Wochenende am Edersee getagt hat.

Ausflugsziel mit Handlungsbedarf

Wer sich auf den Weg zum Edersee macht, der bemerkt direkt hinter der Autobahnabfahrt, worüber gesprochen werden muss. Dorf an Dorf mit – vorsichtig gesagt – brüchiger Netzanbindung, verwaiste Bushaltestellen, wo ein Halten schwer möglich erscheint und ein hartnäckiger, aber beständiger Einzelhandel, der sich aus der Dorfgemeinschaft der letzten Jahrzehnte speist.

Die politischen Potenziale für den ländlichen Raum sind vielfältig und die Angebote aus der Kategorie „Nett gemeint, aber: ‚Nein danke’“. Einer unserer Referenten für das Landesprogrammatischen Wochenende (LPW) am Edersee Alexander Sust, Inhaber des PlanungsbürosSustainund Mitglied des europäischen LEADER-Projekts, stellt im Arbeitskreis Ländlicher Raumganz richtig fest: „Pläne für die Zukunft kann man nicht mit Konzepten aus der Vergangenheit schmieden“.

Kleine Lösungen statt große Planlosigkeit

Die Mobilitätsfrage treibt in diesem Kontext die meisten im Arbeitskreis um. Busse als Bindeglied zwischen Gemeinden und Siedlungen waren schon immer ungeeignet für die individuelle Lebensgestaltung, die das Leben in peripheren Räumen erfordert. Statt viele Menschen zur selben Zeit an einen anderen Ort zu bewegen, bedarf es Lösungen, die den lokalen Gegebenheiten der Bewohner angepasst sind. Auch die Vorstellung eines Schienennetzes wird absurd, wenn man die kurvigen, brüchigen Waldstraßen entlang fährt.

Das Ruckeln der Schlaglöcher teilen sich die Bewohner mit den vielen anderen Autofahrern, die auf ihr Automobil angewiesen sind, da es die bisher maximale Flexibilität und Unabhängigkeit von unzuverlässigen Fahrplänen garantiert. Es ist die lokale Antwort auf lokale Gegebenheiten. Nicht minder pragmatisch und lokal müssen die politischen Maßnahmen ausfallen, sind sich alle Mitglieder des Arbeitskreises an diesem Wochenende einig.

Der große Flächenplan einer Landesregierung dürfe nicht fesseln, sondern muss begleiten, findet Nico aus Marburg. Die Menschen vor Ort müssen die Maßnahmen in der Hand haben und Lösungen vor Ort vom Land begrüßt und gefördert statt ignoriert werden. Dazu bedarf es auch den Willen der Investitionen, von denen es bisher zu wenige und vor allem falsch gesetzte gab, meint Ilija aus Groß-Gerau. Statt Antriebe zu subventionieren müsste den Bürgern vor Ort die Infrastruktur geboten werden, die zur Bewältigung der alltäglichen Wege benötigt wird. Bürgernahe Mobilität beginnt beim Bürger und nicht im Ministerium, denn Alexander Sust warnt: „Verkehrsverhalten ist nicht rational.“

Testballon Mittelstand

Flexibilität und Verlässlichkeit stehen im Spannungsfeld zu ökonomischen und ökologischen Anforderungen. Die Gewissheit und das Gefühl von Sicherheit, in ländlichen Gebieten Anschluss an Arbeitsstelle, Supermarkt und Arztpraxis nicht zu verlieren, ist eng verknüpft mit der Frage, wie man von A nach B kommt. Lösungen müssen zwischen Ökonomie und politischem Willen erarbeitet werden. Der Gedanke liegt nicht fern, den unscheinbaren aber starken Mittelstand in ländlichen Gebieten einzubinden und Kommunen untereinander Konzepte erarbeiten.

Für Alexander Sust ist klar, dass man in peripheren Räumen nicht noch mehr Verkehrssysteme benötigt. Schon jetzt seien genug da, die nicht ausreichend ausgelastet seien. Neue Systeme müssten entwickelt und angewandt werden.

Seine Vision von effektiven Carsharing-Konzepten in den ländlichen Regionen können vor allem im betrieblichen Umfeld ohne großen Aufwand Früchte tragen. Fahrgemeinschaften und Shuttleangebote zum Arbeitsplatz sind nicht nur Anregung für betrieblichen Nachwuchs, sondern belebt das soziale Umfeld in einem Betrieb. Arbeit kann bereits im Auto in vertrautem Kreis besprochen, Begegnung und Lernerfahrung von Jung und Alt in der gemeinsamen Alltagsbewältigung organisiert und angeregt werden.

Generationenaufgabe „Ländlicher Raum“

Und wir? Wo stehen wir in dieser Debatte, fragt man sich, während man im Tagungsraum sitzt und aus der urbanen Bequemlichkeit der Universitätsstädte an das verhältnismäßig kleine Ärgernis einer Verspätung von Bus und Bahn im Stadtverkehr denkt.

Marcel aus Darmstadt findet, dass die Generationenfrage die drängendste ist. Die Nachwuchsfrage in den Betrieben ist eine direkte Spiegelung der Nachwuchsfrage in den Dörfern und Kleinstädten. Aus dem Auto sieht man verfallendes Fachwerk ohne Nachmieter. Schulen und Arztpraxen hat man nicht eine einzige entdeckt.

Die Teilnehmer des Arbeitskreises eint eine Beobachtung: Es fehlen die Angebote für eine merkliche Attraktivität peripherer Räume. Die Mobilitätsanforderungen sind nur Seite 1 des Katalogs. Im 21. Jahrhundert wird man eine sozial anspruchsvolle Generation nicht locken können ohne zuverlässigen Internetanschluss und ansprechende Ortskerne. Ohne ärztliche Versorgung und aussichtsreichen Bildungsangebote wird die Familiengründung zum Risikoinvestment.

Auch hier geistert die magische Formel „Digitalisierung“ durch den Tagungsraum, während Fenster und Türen offen stehen und Sonne ohne Netzempfang hineinlässt. Für Schulen mit E-Learning-Angeboten und telemedizinische Versorgungskonzepte braucht es aber den politischen Pioniergeist und sportlichen Ehrgeiz, den wir empfinden, wenn wir anschließend in den Edersee springen, ihn durchqueren, von einem Ufer zum anderen schwimmen und wieder zurück. „Einfach machen!“, heißt es, bevor man ins Wasser springt.

Alexander Sust gibt uns abschließend auf den Weg, Differenzierungen seien wichtig und Pauschalisierungen fehl am Platz wenn man über den ländlichen Raum spricht und wenn man etwas Bleibendes für diesen erreichen möchte. Dieser politische Rat ist vielmehr Handlungsauftrag. Unsere Generation ist der Maßstab für das Gelingen zukünftigen, sozialen Zusammenlebens in peripheren Räumen.

Der Spaß eines LPWs, eines inhaltlichen Diskurses und Arbeitens fern von miefigen Seminarräumen, in Stuhlkreisen im Grünen oder abends am Lagerfeuer, zeigt im ganz Kleinen und Einfachen, dass arbeiten und leben im ländlichen Raum kein schwieriges Unterfangen sein muss. Es geht darum, soziales Zusammenleben ohne Push-Mitteilungen wiederzubeleben und dennoch gemeinsamen Fortschritt im Taktschlag mit der Rasanz dieses Jahrtausends zu erzielen.

Der Weg dorthin wird brüchig und kurvig sein wie die Landstraßen im Edertal. Es wird darum gehen, die Gewohnheiten untereinander zu verändern und die Barrieren zueinander und gegenüber dem Lebensmodell „Ländlicher Raum“ abzubauen. Unsere Forderung nach einem „Freiwilligen Landwirtschaftlichen Jahr“ legt im Landtagswahlprogramm der FDP den Grundstein. In einem Jahr in der Landwirtschaft wird man das Gemeinsame, Positive, Ermutigende im Unbekannten suchen und finden, ohne ein selbstbestimmtes Leben aufzugeben.

Es bedarf langfristig genauso Mut, sich für ein Leben außerhalb der städtischen Aufgeregtheit und Vollversorgung zu entscheiden, wie gemeinsam den Ritt auf der Sommerrodelbahn zu wagen. Dabei ist es eine Frage der Perspektive, die es zu ändern gilt. Ein Wochenende am Edersee ist dafür politisches Panorama.

 

Von Max Lembke

 

Der Inhalt der Blog-Beiträge spiegelt die Privatmeinung der einzelnen Autoren wieder und ist nicht zwingend Beschlusslage der Jungen Liberalen Hessen