Bericht zum AK „Gentechnik“

Nachstehende lest ihr einen Bericht von Kim Wiederhold aus dem Arbeitskreis ‚Gentechnik‘, der am vergangenen Landesprogrammatischen-Wochenende 2018 am Edersee getagt hat.

 

„Gentechnik – nein Danke“ „Gottspiel mit dem Leben“ „GMOs kill us“

Ist nur eine kleine Auswahl an häufig anzutreffenden Kampfparolen und wirft ein Schlaglicht auf die Angst vor Gentechnik. Diese ist hierzulande – auch jenseits religiöser Institutionen – tief in den Köpfen der Menschen verankert. So entdeckt man immer häufiger in den Regalen des örtlichen Supermarktes Produkte, die mit dem Aufdruck „OHNE GENTECHNIK“ angepriesen werden, was dem Verbraucher eine gesundheitsschädigende Wirkung von GVOs (Genetisch Veränderten Organismen) suggeriert. Aus wissenschaftlicher Sicht ist diese allerdings nicht haltbar – 

Übrig bleibt die Haltung: Gentechnik ist Böse

Entsprechend illiberal so auch die Gesetzeslage, die wir während des Landesprogrammatischen Wochenendes (LPW) in Vöhl am Edersee ausgiebig diskutierten: Während die USA, Israel und China mit einem Durchbruch nach dem Nächsten glänzen können, stockt die Forschung in Deutschland aufgrund unüberwindbarer bürokratischer Auflagen. „Grundlagenforschung“, so erklärt uns unser Referent Prof. Dr. Wolfgang Nellen (Science Bridge, Universität Kassel), „ist zwar in Deutschland gestattet und wird auch durchgeführt. Jedoch stammen die wirklichen Durchbrüche und großen Investitionen aus privater Hand. Ohne den Anreiz die entwickelte Technologie auch in der Standortnation einsetzen zu dürfen werden solche Unternehmen ihre Gentechnik-Sparte in beispielsweise die USA verlagern.“ Hier endet das Bezuschussungsproblem allerdings noch nicht, da „staatliche Zuschüsse nach dem Gießkannenprinzip verteilt und nicht bestimmte aussichtsreiche Felder besonders gefördert [werden]“, wie unser Arbeitskreisleiter Raphael Meyer anmerkt.

Dabei – so leitet unser Referent seine Präsentation ein – ist der Eingriff in die Natur, wie zum Beispiel die Hochzüchtung bestimmter Pflanzensorten seit Sesshaftwerdung des Menschen nicht wegzudenken. Dieselben Ergebnisse wie bei langwieriger Zuchtwahl & Auslese oder der gefährlichen Bestrahlung ganzer Felder könnte man schneller respektive direkter mit Gentechnikverfahren erreichen. Nur, dass erstere beiden Verfahren problemlos angewendet werden dürfen, während dies bei einem gezielten Eingriff gesetzlich erschwert wird. Eine gentechnisch erzeugte Maisart mit exakt derselben DNA wie ihr konventionelles, über Jahrzehnte hochgezüchtete Gegenstück, dürfte im Gegensatz zu diesem nicht angebaut werden – auch wenn beide ein identisches Genom besitzen. Über diesen Missstand herrschte in unserem Arbeitskreis einstimmige Irritation. Wir fordern daher eine – 

Produkt- statt Prozessbewertung

– sprich der Beurteilung des Endproduktes nach ökonomischen und ökologischen Kriterien, statt einer ethischen Verurteilung des Herstellungsverfahrens. So ist es beispielsweise in den USA zugegen. Von jenseits des Atlantiks stammt auch der neueste Quantensprung in der Welt der Gentechnikverfahren. Bisher ließ die konventionelle Gentechnik keinen Austausch einzelner Basen zu, war zeitaufwändig, teuer und der Einsatzort des Gens musste nachträglich überprüft werden. Ein Mechanismus, der ursprünglich aus dem Immunsystem der Bakterien gegen Bakteriophagen [auf Bakterien spezialisierte Viren] stammt, verspricht Abhilfe:

Schneller, besser, genauer – CRISPR/Cas9

Dieses hochmoderne Verfahren mit dem Spitznamen „Genschere“ stand im Vordergrund unserer Arbeitskreissitzung, da es Geneditierung bis hin zu einzelnen Basenpaaren schnell, kostengünstig und in noch nie dagewesener Präzision ermöglicht. Mit neuen Chancen gehen ebenso Risiken einher, weshalb wir jetzt dringender denn je darüber beraten müssen inwieweit wir dessen Einsatz liberalisieren sollten ohne dabei unsere moralischen Werte und die Sensibilität des Ökosystems außer Acht zu lassen.

Ist das noch Gentechnik (oder kann das schon weg?)

Die juristische Definition darüber, was als Gentechnik aufzufassen sei, erachtete unser AK als – gelinde gesagt – „schwammig“, denn sie schließt nur Änderungen ein bei denen fremde DNA eingeführt wird und die auf natürliche Art nicht erfolgen würde. Viele Experimente, die mit CRISPR durchgeführt werden, wären streng genommen von dieser Definition ausgeschlossen. Abzuwarten ist jedoch das EuGH Urteil hierüber, welches drastische Auswirkungen auf zukünftige Zulassungsverfahren haben wird.

„Dieses Produkt stammt aus gentechnischer Erzeugung“

Die Frage, ob und wie gentechnisch erzeugte Produkte verpflichtend gekennzeichnet werden sollten, löste bei uns eine kontroverse Diskussion aus: Ein Disclaimer könnte Gentechnikgegner in der ungestützten Meinung bekräftigen, solche Produkte seien gesundheitsgefährdend und müssten daher kenntlich gemacht werden. Letztlich überwiegte jedoch das Argument den Verbraucher durch größtmögliche Transparent eine eigene, selbstbestimmte Entscheidung treffen zu lassen statt Informationen wissentlich vorzuenthalten. Noch fataler als Informationsenthaltung ist allerdings die gezielte Verbreitung von Fehlinformationen. Entgeistert erzählte uns Prof. Nellen von dem „Expertengremium“ TestBiotech der Bundesregierung, welches vollständig aus Vertretern der Anti-Genetic-Engineering-Bewegung stammt.

Der Dominoeffekt und das Ökosystem

Ein weiterer hochinteressanter Einsatzort ist die Ausrottung invasiver Schädlingsarten, wie zum Beispiel der Anopheles-Stechmücke, welche jährlich 1,2 Millionen Malariatode mitverursacht. Durch Einbringung eines sogenannten Terminatorgens in das Genom, kann die gesamte Population ausgerottet werden. Die Auswirkungen dieses Gens zeigen sich raffinierterweise nicht in der ersten Generation, sondern in den Folgegenerationen, welche dadurch infertil werden. Die Folge: Das Gen wird erst innerhalb der Population weitergegeben, anschließend ist der gesamte Nachwuchs unfähig sich fortzupflanzen. Unsere Diskussion über die möglichen unvorhersehbaren Auswirkungen solch eines Eingriffes ins Ökosystem hielten wir passenderweise im Freien – dem Idyll des Edersees. Die Relevanz der Schädlingsfrage zeigt sich mehr noch, wenn man wie wir am Vorabend Waschbärbesuch in den Hütten der Jugendherberge hatte. Letztlich einigten wir uns darauf, dass nur so viel verändert werden darf, wie tatsächlich kontrollierbar ist – alles andere ist unverantwortlich.

PANIK? PANIK! BIOTERRORISMUS.

Es klingt wie aus einem Film: In einem abgelegenen Kellerlabor nutzen Terroristen die Vorzüge von CRISPR, um die perfekte biologische Waffe zu kreieren – antibiotikaresistent, hochansteckend, letal, vielleicht noch getargeted an bestimmte Bevölkerungsgruppen. Einmal ausgesetzt, vernichtet sie 99,9% der Erdbevölkerung.

Doch wie realistisch ist dieses Szenario? Prof. Dr. Nellen bringt diese Angst schnell wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. Aus wissenschaftlicher Sicht ist es extrem aufwändig den Zusammenhang zwischen einzelnen Genstücken und der Letalität des Gesamtorganismus aufzuklären, geschweige denn einen Erreger gezielt gefährlicher zu machen. Solche Eigenschaften sind ein hochkomplexes Zusammenspiel aller Zellkompartimente und keine einzelnen Basenpaare, dessen Einbau einen „Kill“- Schalter aktiviert. „Und selbst wenn…“, fügt unser Referent bei, „warum sollte man für seine böswilligen Intentionen solch einen Aufwand betreiben, wenn die Natur bereits zahlreiche, hocheffektive Kampfstoffe bietet?“ Anthrax – besser bekannt als Milzbrandsporen und das hochtoxische Rizin sind nur einige Beispiele hierfür.

Natürlich gab es in unserem Arbeitskreis trotzdem einen eindeutigen Konsens darüber, dass dem Missbrauch durch unqualifizierte Privatpersonen vorgebeugt werden muss. Wir einigten uns auf ein Lizenzverfahren, bei dem im Vorfeld ein Nachweis von Sachkenntnis, Sicherheitsvorkehrungen und entsprechender Ausrüstung stattfinden muss.

Beine wie Bolt, Hirn wie Hawking – DESIGN YOUR BABY

Diskutiert man über Gentechnik, dauert es nicht lange bis der Begriff „Designerbaby“ fällt. Doch hiermit verhält es sich – so abwegig das zunächst klingen mag – wie mit dem Bioterrorismus: Wünschenswerte Eigenschaften, wie Intelligenz und soziale Kompetenz, sind komplex, umweltabhängig und nicht an einzelne Gene gebunden. Daher ist die Gefahr dafür als recht gering einzuschätzen. Trotz der Tatsache, dass wir die Entstellung von Menschen im Rahmen von Designerbabys für ethisch unhaltbar erachten, sollten wir uns keineswegs grundsätzlich vor der Möglichkeit von Gentechnik an Embryonen verschränken. Gerade hinsichtlich der Vorbeugung von bisher unheilbaren Krankheiten ist es – 

„Unmoralisch nichts zu tun“

Dieser Satz regte uns zum Nach- und Umdenken an. Wenn wir uns fragen, ob wir den Menschen gentechnisch verändern dürfen, müssen wir uns ebenso die Frage stellen, ob wir es als Gesellschaft verantworten können dies nicht zu tun. Sich die Chance zu verwehren in vielleicht nicht allzu ferner Zukunft Krebs- und AIDS-Resistente Menschen zu schaffen ist gleichbedeutend mit der aktiven Entscheidung Leid zuzulassen. Mit einem Augenzwinkern hielten wir –

„Lieber mutiert als tot“

– als unser inoffizielles Arbeitskreismotto fest.

Das Wissen um diese fabelhaften Möglichkeiten der Geneditierung gilt es nun in die Gesellschaft voranzutragen. Primäres Ziel sollte es daher sein den Ruf der Gentechnik durch Aufklärungsarbeit nachhaltig zu verbessern, sowie uns nicht selbst die Chance vorzuenthalten als Entwicklungsstandort Biotech ganz vorne mit dabei zu sein. Wir plädieren dafür insbesondere die Forschung mit Anwendung am Menschen voranzutreiben, sowie Anreize für Biotechunternehmen zu schaffen sich hierzulande niederzulassen, mindestens aber die derzeitigen hohen Hürden zu senken. Auch Befürchtungen wie die der wegfallenden Jobs durch den Gentechniksektor – andersrum betrachtet eine Rationalisierung zugunsten der Effizienz – dürfen nicht verunsichern. Prof. Dr. Nellen entgegnet dem mit Zukunftsoptimismus: „Hätten wir so bei den Hufschmieden gedacht, würden wir immer noch mit Kutschen fahren.“ 

 

Von Kim Nike Wiederhold

 

Der Inhalt der Blog-Beiträge spiegelt die Privatmeinung der einzelnen Autoren wieder und ist nicht zwingend Beschlusslage der Jungen Liberalen Hessen